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Der TÜV erobert die Welt der Smartphones

Der TÜV dürfte wohl den meisten Lesern ein Begriff sein. Egal ob bei der Hauptuntersuchung für das Auto, in Aufzügen oder sogar auf Websites. Irgendwo stößt man früher oder später immer auf das TÜV-Logo. Vermittelt wird dabei immer ein Gefühl der Sicherheit, schließlich “gibt es den TÜV doch schon immer”. Von diesem guten Ruf wollen natürlich alle Unternehmen profitieren und so findet man inzwischen auch immer mehr Smartphones mit TÜV-Zertifizierung. Doch was genau wird den Herstellern mit diesen Siegeln überhaupt bescheinigt und wer ist der TÜV überhaupt? Diese Fragen sollen in diesem Artikel geklärt werden.

Grundlegendes über den TÜV

Entgegen der Annahme vieler ist der TÜV keine staatliche Organisation. Die Abkürzung steht für “Technischer Überwachungsverein” und zeigt damit schon, wie der TÜV organisiert ist – als Verein. Genauer gesagt als eine Vielzahl von Vereinen, denn ursprünglich war die Vereine nur lokal aktiv. Inzwischen agieren die meisten TÜV-Gruppen international, die Namen sind jedoch geblieben. So gibt es zum Beispiel den TÜV Rheinland, den TÜV Süd und den TÜV Nord, um die drei Größten zu nennen.

Chinahandys TUV Siegel 6

Entstanden ist das Konzept des TÜVs übrigens schon 1886, allerdings als “DÜV” (= Dampfkessel-Überwachungsverein) zur Kontrolle von Dampfmaschinen.

Mit der Zeit weiteten sich die Aufgabenbereiche immer weiter aus und sind inzwischen so vielfältig, dass die Vereine ganze Aktiengesellschaften halten, die wiederum die operativen Aufgaben des TÜVs erledigen und miteinander in Konkurrenz stehen. So hält zum Beispiel der TÜV Rheinland Berlin Brandenburg Pfalz e.V. sämtliche Aktien der TÜV Rheinland AG, über die alle Prüftätigkeiten abgewickelt werden. Als Verein ist der TÜV deshalb zunächst nicht gewinnorientiert, die AG ist das allerdings schon. Ihre Gewinne werden zur “Sicherung und Weiterentwicklung des Vereinszwecks” genutzt.

Tätig wird der TÜV beinahe immer durch einen Auftrag von privaten oder staatlichen Organisationen und wird auch von diesen bezahlt. Die Prüfungen finden in vier verschiedenen Varianten statt.

  • Verpflichtende Prüfung nach gesetzlich festgelegten und vorgeschriebenen Regeln und unter Kontrolle der Aufsichtsbehörden (z.B. Führerscheinprüfung)
  • Freiwillige Prüfung nach gesetzlichen oder nationalen und internationalen Normen aber dennoch unter Kontrolle der Behörden (z.B. Aufzüge oder Rolltreppen)
  • Prüfung durch selbst entwickelte Standards (z.B. TÜV Rheinland zertifiziertes Display bei Smartphones)
  • Prüfung von speziellen Einzelfragen (z.B. Schadensuntersuchung bei Unfällen)

Hier ein Prüfsiegel von der Oppo-Website

Festgehalten werden die Ergebnisse der Prüfung auf unterschiedliche Art und Weise. So gibt es zum Beispiel verschiedene Prüfberichte, Gutachten aber auch Siegel, mit denen die Hersteller werben können. Besonders auffällig ist das aktuell bei Smartphones, denn beinahe jeder Hersteller, der etwas auf sich hält, besorgt sich inzwischen ein Siegel vom TÜV Rheinland für seine Geräte.

Kleiner Fun Fact am Rande: Meizu hat das bei der Vorstellung des 16T ebenfalls getan, allerdings ohne das Gerät beim TÜV prüfen zu lassen. Das fanden die Rheinländer gar nicht lustig und gingen gerichtlich gegen das chinesische Unternehmen vor.

Die Smartphone-Zertifizierung des TÜV

Auch, wenn der TÜV vom Auftraggeber bezahlt wird, bewertet er doch stets objektiv, um seinem Vereinszweck gerecht zu werden und den guten Ruf zu bewahren. Aus diesem Grund, können die Hersteller die Siegel auch nicht einfach kaufen, sondern müssen Geräte zum Testen einschicken. Wie genau die Tests ablaufen, verrät der TÜV nicht. Was getestet wird aber schon. Für Smartphones gibt es dabei aktuell drei wesentliche Tests:

TÜV Rheinland – Eye Comfort Certification

Diese Zertifizierung tritt wohl am häufigsten auf und zielt auf die Qualität des Displays ab. Geprüft wird hier nach verschiedenen ISO-Normen und Anforderungen von Gesundheitsorganisationen auf Flackern, Reflexion und das Filtern von blauem Licht, mit dem Ziel, das Display als besonders augenschonend zu zertifizieren.

Chinahandys TUV Siegel 3

Mit Sicherheit sind die Displays, die diese Zertifizierung haben gut, das macht aber andere Geräte nicht schlecht. Das Oppo Find X2 Pro zum Beispiel wirbt mit dem TÜV Siegel und hat tatsächlich eines der besten Displays auf dem Markt. Das Display des Oneplus 8 Pro ist dem des Oppo Gerät aber kaum unterlegen und verzichtet auf die Zertifizierung. Vermutlich hat sich OnePlus hier einfach die Kosten für eine Prüfung gespart und setzt stattdessen auf den günstigeren Preis als Verkaufsargument.

TÜV Süd – IP Rating

Wenn es um die Resistenz gegen Wasser und Staub geht, hat häufig der TÜV Süd seine Finger im Spiel, wobei dessen Siegel nicht so häufig auftauchen. Diese Prüfgesellschaft bietet Tests zum IP-Rating an. Dazu stehen in den eigenen Laboren Staubkammern, Beregnungsanlagen und Tauchbecken bereit. In einem fest definierten Ablauf werden die Geräte dort also getestet und bekommen ein Rating zugeordnet (meist IP68 oder IP69). Dabei beschreibt die erste Ziffer den Schutz gegen Staub und Fremdkörper, wobei 6 die höchste Zahl ist und aussagt, dass das Gerät komplett geschützt ist. Die zweite Ziffer hingegen gibt die Wasserdichtigkeit an. Hier steht eine Skala von 0 bis 9 zur Verfügung, wobei das Gerät ab einem Wert von 7 kurzzeitiges Untertauchen überstehen kann.

Diese Siegel kommen natürlich nicht vom TÜV, dennoch vermitteln sie den Eindruck, das Gerät sei getestet geworden.

Vollständig sicher kann man sich aber nie sein, denn der TÜV führt die Tests unter Laborbedingungen durch. Das bedeutet, es wird ausschließlich Süßwasser verwendet und die Testgeräte sind in der Regel neu. Nur, weil ein Gerät also ein IP68 Rating hat, bedeutet das also nicht, dass es auch Salzwasser aushält oder nach einigen Monaten noch immer wasserdicht ist. Einen umfangreichen Artikel zur IP-Zertifizierung findet ihr hier.

TÜV Rheinland – Smartphone Reliability Verification

Viele Informationen gibt es hierzu noch nicht, denn bisher war das Realme 7 das einzige Gerät mit dieser Zertifizierung. Vom TÜV selbst gibt es deshalb noch keine Beschreibung der Tests. Realme sagt, das Gerät habe über 50 Tests durchlaufen, sich in 12 Nutzerszenarien beweisen müssen und sechs verschiedene “extreme” Umgebungen überstanden. Damit sei das Gerät besonders robust und langlebig. Ob das stimmt oder nicht, können wir bisher nicht beurteilen. Wenn Euch diese Tests interessieren, lasst es uns gerne in den Kommentaren wissen, dann werden wir mal beim TÜV nachhaken.

Chinahandys TUV Siegel 1

Fazit

Unterm Strich sorgen die TÜV-Siegel sicher für einen gewissen Vertrauensvorschuss gegenüber der Marke, sollten aber nicht als ausschlaggebendes Kaufkriterium angesehen werden. Für viele Hersteller scheint die Zusammenarbeit mit dem TÜV eher ein Mittel zu sein, um höhere Preise zu rechtfertigen (Oppo), um als neues Unternehmen einen guten Ruf aufzubauen (Realme), oder einfach, um als etabliertes Unternehmen nicht abgehängt zu werden. Was meint Ihr zu dem Thema? Schafft der TÜV für Euch Vertrauen oder liefert er nur ein weiteres Siegel, das die Geräte unnötig teuer macht? Schreibt es in die Kommentare!

Quellen


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Shorty2020
Gast
Shorty2020 (@guest_75751)
3 Monate her

Zum Realme 7: wenn das eine Zertifizierung von TÜV hat, so ist diese Prozedur zur Zertifizierung ja festgelegt, also müsste man bei diesen TÜV auch erfahren können, was genau gemacht wurde. Also müsste der TÜV diese Informationen schon rausrücken, sonst wird es unglaubwürdig.

Magnitude
Gast
Magnitude (@guest_75743)
3 Monate her

Es wäre mal wichtig zu erfahren, ob es Geräte gibt, die z.B. den Display-Test nicht bestanden haben und wie gut diese im Vergleich zur Konkurrenz sind. Vorher machen Aussagen über den Nutzen dieser Tests wenig Sinn.
Vor allem ist „augenschonend” ein dehnbarer Begriff, denn manche reagieren beispielsweise auf Pulsweitenmodulation sehr empfendlich und andere wiederum gar nicht…

Schnubbi
Mitglied
Mitglied
Schnubbi (@schnubbi)
3 Monate her

Interessant. Im Wesentlichen habe ich gewusst, was der TÜV ist und macht, aber es mal zu Lesen finde ich gut. Bei Massenprodukten wie Smartphones halte ich die Bescheinigung aber für kaum sinnvoll, da der Marketingzweck in meinen Augen weit über dem Nutzen steht. Da Geräte, die durchfallen, sich in der “Besiegelung” nicht von Geräten unterscheiden, die gar nicht getestet wurden, ist so ein Siegel nur dann aussagekräftig, wenn mein Schaden vermutlich/ wahrscheinlich nicht gegeben ist. Allerdings würde ich jedem Hersteller erst einmal glauben, dass sein Gerät staubdicht ist, egal, ob der TüV das nun siegelt oder nicht. Ich habe mich… Weiterlesen »